Grundrechte für Grundschulkinder!

von Bianca Schröder, Paderborn

Im Grundgesetz sind die Freiheit des Glaubens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses geregelt. Damit ist nicht nur die Freiheit zur Religionsausübung gemeint, sondern auch die Freiheit, keiner Religion anzugehören. Es ist anzunehmen, dass das verfassungsrechtlich geregelte Gebot der weltanschaulichen Neutralität des Staates auch in der Schule gilt. Falsch gedacht?

Wer sein Kind an einer Grundschule anmeldet, sucht in der Regel die Schule mit dem nahesten und ungefährlichsten Schulweg aus. Kindern soll es schließlich ermöglicht werden, selbst mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Schule zu kommen und bestenfalls noch die Freunde aus der Nachbarschaft an der gleichen Schule zu haben.

Wer in NRW wohnt und sein Kind an der nahesten Grundschule anmeldet, hat mit etwa jeder dritten Grundschule eine sogenannte Bekenntnisschule erwischt. Das sind Schulen, an denen die Religion nicht nur den Takt vorgibt, sondern auch noch die Tonart bestimmt. Sie bestimmen, Kinder welcher Konfession die Schule besuchen, welche Konfession die Lehrkräfte haben müssen und verpflichten alle die Kinder zum Religionsunterricht.

Wer als Eltern nicht möchte, dass das eigene Kind am Religionsunterricht teilnimmt, weil man vielleicht selbst keiner oder einer anderen Religion angehört, dessen Kind wird von der Schule ausgeschlossen. Das wäre ja verständlich, wenn diese Schulen komplett von der Kirche finanziert würden. Dem ist aber nicht so: Bekenntnisschulen werden zu 100 % aus allgemeinen Steuergeldern bezahlt.

Der sich verfassungsrechtlich zur Gleichbehandlung religiöser und nicht religiöser Weltanschauungen verpflichtete Staat zahlt also für Schulen, die den Kindern einen Religionsunterricht vorschreiben, der unter Umständen gar nicht ihrer Weltanschauung entspricht.

Genau so erging es uns. Die naheste Grundschule war eine katholische Bekenntnisschule. Eine Schule fast in der Nachbarschaft mit engagierten Lehrer*innen, einer guten Nachmittagsbetreuung und den Freunden meines Sohnes aus dem Kindergarten dabei, alles schien perfekt zu passen. Bei der Anmeldung wurden wir darauf hingewiesen, dass die Teilnahme am katholischen Religionsunterricht verpflichtend sei, auch, wenn das Kind keiner Religion angehört. Dazu kommt die Teilnahme am Schulgottesdienst, was ja völlig absurd ist, wenn ein Kind gar nicht an den Gott glaubt, dem es dort dienen soll.

Das oft gehörte Argument, es könne doch nicht schaden, am Religionsunterricht teilzunehmen und ein bisschen Moral zu lernen, teile ich nicht. Denn Menschenrechte gelten unabhängig von Religion und beides hat nicht unbedingt miteinander zu tun. Im Gegenteil: In einer pluralistischen, interkulturellen Gesellschaft halte ich es für umso wichtiger, dass Kinder schon früh lernen, Verständnis füreinander zu entwickeln und einen fairen Umgang miteinander zu gestalten. Annäherung, Verständnis und Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Weltanschauungen kann nur durch gemeinsames Lernen entstehen.

Ein fairer Umgang miteinander entsteht nämlich mitnichten dadurch, anderen Menschen eine Religion aufzuzwingen oder Kinder verschiedener Religionen im Unterricht voneinander zu trennen. Denn Trennung führt zu Distanz und Ausgrenzung, zu Ängsten vor dem „unbekannten Anderen“.

Was wir brauchen, ist ein bekenntnisunabhängiges Unterrichtsfach, das Kinder verschiedener Religionen und Kulturen zusammen ins Gespräch über ethische Fragestellungen bringt und für einen fairen Umgang miteinander sensibilisiert. Dazu eignet sich meiner Meinung nach ein gemeinsamer Ethikunterricht als wichtiges Bindeglied. Denn die Frage, wie wir in einer Gemeinschaft fair miteinander umgehen können und die Bedürfnisse aller berücksichtigen können ohne anderen Schaden zuzufügen, kann in einer pluralistischen Gesellschaft nur im gemeinsamen Dialog beantwortet werden.

Dafür braucht es den Ethikunterricht als fest verankertes Unterrichtsfach. Kenntnisse zur Geschichte und zu den Inhalten der verschiedenen Religionen sollen darüber hinaus Kindern die Möglichkeit geben, verschiedene Weltanschauungen kennenzulernen. Darüber hinaus kann ja an Schulen Religionsunterricht als freiwilliges Fach gewählt werden, was je nach Religionszugehörigkeit vertieft werden kann.

Es ist zu hoffen, dass unsere jetzige Landesregierung ihr Versprechen für einen Ethikunterricht an den Grundschulen NRW‘s einhält. Denn die Zukunft wird jetzt gestaltet.

In Paderborn wird am 15. Okt.  ein „Humanistischer Stammtisch“ ins Leben gerufen.

Genaueres ist zu erfahren bei Frau Schröder über
Kontakt oder Pro-Ethik-NRW@gmx.de

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