Ethik für alle – nicht für wenige!

von Henrike Lerch, Wuppertal

Ethikunterricht an den Grundschulen in NRW zu ermöglichen, wie es der aktuelle Koalitionsvertrag von CDU und FDP vorsieht, ist längst überfällig und bedarf eigentlich keines ausgesprochenen Lobes. Es ist aber vielleicht der notwendige Schritt, um überhaupt Ethikunterricht an Grundschulen einführen zu können. Einer offenen und pluralen Gesellschaft angemessener wäre jedoch ein Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler als verbindliches Schulfach, weil nur dieser jene Werte, die angeblich im Religionsunterricht vermittelt werden sollen, thematisieren und reflektieren werden kann. Neben rein praktischen Problemen in der Umsetzung, es ist für die im Vergleich zu weiterführenden Schulen kleinen Grundschulen kaum möglich, eine zusätzliche Wahloption anzubieten und der für die Schülerinnen und Schüler weiterhin bestehenden Selektion nach dem Glaubenswünschen der Eltern, stellt sich vor allem die Frage, was mit Religions- und Ethikunterricht an staatlichen Schulen erreicht werden soll.

An erster Stelle wird hier Wertevermittlung genannt. Dabei schreiben es sich gerade die großen christlichen Kirchen auf die Fahnen, die in den Menschenrechten zum Ausdruck gebrachten Werte, wie Würde und Gleichheit der Menschen, hervorgebracht zu haben. Sie verkennen dabei zum einen, dass diese Werte ihre Wurzeln in einer nicht-religiösen antiken Ethik haben und auch in anderen Religionen wie dem Buddhismus zu finden sind. Zum anderen übersehen sie, dass es sich um Werte handelt, die durch die Aufklärung gegen die Ansprüche der christlichen Kirchen erstritten wurden.

Mit der Wertevermittlung ist aber etwas anderes gemeint. Religionsunterricht wird stellvertretend genommen als jene Vermittlung von Kultur, die uns ein „zu Hause“ gibt. Vermittelt werden soll hier ein Narrativ jener Kulturgeschichte, die prägend für die gesellschaftlichen Strukturen sind und ein Teil jener Mythen auf die unser Selbstverständnis in der derzeitig tradierten Weise beruht. Außerdem werden eine Reihe von Kulturtechniken vermittelt, die in persönlichen Krisensituationen Hilfe und Halt bieten können.

Ein verbindlicher gemeinsamer Ethikunterricht kann diese Art Wertevermittlung allererst in und für eine plurale und demokratische Gesellschaft leisten. Durch einen gemeinsamen Ethikunterricht wird ein Raum geschaffen, in welchem religiöse und nicht-religiöse Schülerinnen und Schüler über ihren Glauben, ihre Rituale und Praktiken sprechen können. Sie können sich an einem Dialog über Religionen beteiligen und sich gegenseitig informieren ohne zu indoktrinieren. Sie können ihre eigene Sichtweise und Gewohnheit reflektieren und dadurch sowohl hinterfragen als auch stärken. Eingeübt wird so eine Haltung, andere Vorstellungen als gleichwertig anzuerkennen ohne die eigenen Vorstellung als nichtig negieren zu müssen oder als Wahrheit unreflektiert zu übernehmen. Eine zutiefst demokratische und tolerante Haltung wird damit vermittelt, die jedoch zu eigentlich religiösen Werte wie Demut und Gottesfürchtigkeit in Widerspruch stehen mag.

Ein verbindlicher gemeinsamer Ethikunterricht führt darüber hinaus ein in die unterschiedlichen Wurzeln unserer Kulturgeschichte, indem die prägenden philosophischen Positionen vermittelt werden. Er gibt die Möglichkeit über sich und die eigene Stellung in der Welt, über Fragen und Ängste, Wünsche und Hoffnungen nachzudenken. Ein solcher Ethikunterricht bleibt aber ein Reflexionsfach. Er sollte ergänzt werden durch eine Unterricht, der Lebenspraktisch orientiert ist und nicht Werte oder Haltung mit gibt, sondern konkrete Lebenstechniken, die in Situationen wie Stress oder Angst helfen, die bei Tod und Trauer greifen. Ethik darf dies nicht für wenige leisten, sondern muss allen Kindern in einer heterogenen, fragmentierten Welt jene Orientierung ermöglichen, die sie für ein selbst bestimmtes und engagiertes Leben in einer offenen Gesellschaft brauchen. Denn ein glückliches Leben setzt voraus realistische Ziele im Diesseits zu formulieren statt auf utopische Vorstellungen im Jenseits zu hoffen.

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